»Wo finden Sie auf einem so engen Fleck noch soviel Gutes?«, pries Goethe 1823 das Städtchen an der Ilm, das durch ihn und die anderen Dichter, Aufklärer und Idealisten weltberühmt geworden war – Schiller, Wieland, Herder, die »Klassiker« eben. Nimmt man die Vorigen – Lucas Cranach, Martin Luther und Johann Sebastian Bach – hinzu, und bedenkt man die Nachmaligen – Franz Liszt, Friedrich Nietzsche, die Bauhauskünstler – so wird der Mythos, der sich um Weimar als Inbegriff deutschen Geisteslebens rankt, verständlich.
Mehr als elf Jahrhunderte wechselvoller Geschichte prägten die Stadt.
Gegründet um 1250, lebten noch nicht einmal 3000 Einwohner in Weimar, als es 1547 vom Ackerbürgerstädtchen zur Residenz des Herzogtums Sachsen-Weimar gemacht wurde. Prächtige Renaissancebauten aus dieser Zeit beherrschen noch heute das Stadtbild. Erst die Gründung der sprachpflegerisch-patriotischen »Fruchtbringenden Gesellschaft« aber, 1617, verschaffte der Stadt überregionale Bedeutung. Vom Hofe angezogen, kamen in der Folgezeit Gelehrte und Künstler, der aufregende Aufstieg Johann Sebastian Bachs als »Cammermusicus und HofOrganist« gehört in diesen Kontext (1708–1717).
Mit der Ankunft Goethes erfuhr die wirtschaftlich schwache und unbedeutend gebliebene Stadt geistigen Aufschwung: seit 1775 strahlten die Ideen und Ideale des klassischen Humanismus von Weimar nach Europa aus. Goethe starb 1832. Wo keine literarische Nachfolge möglich schien, bewirkte der »genius huius loci« eine musikalische. Franz Liszt ließ sich 1848 in die großherzogliche Residenzstadt verpflichten und sorgte für eine zweite geistig-kulturelle Blüte, in der nicht nur die musikalisch zukunftsweisenden Akzente gesetzt wurden.
Auch die bildende Kunst fand, vom Hofe gefördert, hier einen Ort. 1860 entstand eine Kunstschule, die für die Entwicklung der Landschaftsmalerei bedeutsam wurde. Das »Neue Weimar« der Moderne um 1900 konnte einige sezessionistisch-kosmopolitische Akzente in Kunst und Kunstgewerbe setzen: Henry van de Velde und Harry Graf Kessler. Während die wirtschaftliche Entwicklung der Beamten- und Pensionärsstadt auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschränkt blieb, erregte Weimar auf politischer Ebene Aufmerksamkeit.
Wenige Monate nach der Abdankung des Großherzogs (1918) tagte die Deutsche Nationalversammlung hier, und der Tagungsort gab der ersten bürgerlich-parlamentarischen Verfassung ihren Namen: »Weimarer Republik«. Revolutionäre künstlerische Ideen, wie sie nur im Zusammenhang mit dem politischen Umschwung entstehen konnten – die Gründung des Staatlichen Bauhauses 1919 durch Walter Gropius – fanden in der Hauptstadt des 1920 gebildeten Landes Thüringen jedoch bald keinen Boden mehr. 1925 wurden die Bauhaus-Künstler von den Rechtsparteien ausgegrenzt. Der »Geist von Weimar« trieb in deutschnational-reaktionäre Gewässer.
1932 wurde Weimar Sitz einer rein nationalsozialistischen Regierung. 1937 errichteten die Nationalsozialisten auf dem gegenüberliegenden Ettersberg das Konzentrationslager Buchenwald. Häftlinge aus 35 Nationen waren hier inhaftiert, von 238 000 starben mehr als 56.000.
Im April 1945 ergab sich Weimar den amerikanischen Truppen und im Juli übernahm die Rote Armee Besatzungsfunktion. Recht und Unrecht des »Speziallagers«, das die sowjetische Geheimpolizei in Buchenwald fortführte, sind bis heute nicht hinreichend erforscht.
1948 wurde das zerstörte Deutsche Nationaltheater wiedereröffnet. Das klassische Erbe wurde, allen Widersprüchen der politischen Praxis zum Trotz, hochgehalten: Goethejahr 1949, Schillerfeiern 1955 und 1959. Die Moderne blieb verpönt. Forschungs- und Gedenkstätten aber wurden gepflegt und eine monumentale Anlage für die Opfer von Buchenwald errichtet.(1958).
Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten brachte Weimar ökonomischen und weltläufigen Gewinn. Die Stadt ist erstklassig restauriert, die Besucherzahlen verzeichnen Rekorde. Spätestens das Kulturhauptstadtjahr 1999 brachte Weimar zurück ins allgemeine Bewusstsein. Weimar ist heute wieder auf dem Weg zu einem bedeutenden Kultur- und Kunstzentrum in Europa.