Presse

Eröffnungsvortrag der „pèlerinages“ 2011 von Nike Wagner

 

Botenstoffe der Zukunft

Das Motto der „pèlerinages“ 2011 lautet „Vision“.

„Vision“ heißt auch das Klavierstück, das Sie eben gehört haben, die Nummer sechs der „Études d´exécution transcendante“  von Franz Liszt. Diese – damals nur für Liszt spielbaren – Etüden stammen noch aus der Jugend des Wundermusikers, mit fünfzehn Jahren hat er sie entworfen, um 1837 erreichten sie ein Zwischenstadium, ausgefeilt und fertiggestellt wurden sie erst um 1851, zu Zeiten seiner kompositorischen Reife in Weimar.

Wenn wir etwas über den Komponisten Franz Liszt wissen wollen, so erfahren wir hier eine Menge. Die Etüden dürfen exemplarisch stehen für Liszts Arbeitsweise, denn im Unterschied zu Wagner, den Thomas Mann den „großen Vollender“ genannt hat, gehörte Liszt zu den ewig Unfertigen, die im Ungenügen mit dem Erreichten leben, ständig verbessern, neu entwerfen, neu besetzen, weiterarbeiten. Liszt liebte die Versuchsanordnungen, das Labor, das Experimentelle. Das mag seinen Werken einen Mangel an Durchschlagskraft und Durchsetzungsvermögen eingetragen haben – wir heute aber, mit unseren Begriffen von work in progress oder anderen live- und Prozeßformen der Künste, rechnen solche Merkmale zu den zukunftsträchtigen Haltungen eines Künstlers.

Wir erfahren noch mehr aus dieser sechsten Etüde – etwa über das zwiespältige Wesen einer Vision. Unter dem Titel „Vision“ erwarteten wir eigentlich etwas Himmelstürmendes, Strahlkräftiges oder allzu Luftiges. Doch Liszts „Vision“ beginnt in moll, sie beginnt mit dunklen „pesante“- Akkorden, die sich erst einmal mit Arpeggien aus der Tiefe ins Helle spielen und schließlich den ganzen Klangraum des Klaviers einnehmen. Die Melodie ist einfach, liedhaft, aber sie hat keine zielgerichtete Dramaturgie, nichts Narratives. Liszts „Vision“ dreht sich, kreist spiralhaft herum, wechselt Farben und Flughöhe – aber sie führt nirgendwo hin oder eben ins Unbekannte. Das mag aufregend sein, erzählt aber auch vom ambivalenten Charakter alles Visionären, enthält Bedrohliches.

Im allgemeinen wollen wir lieber wissen, wo es hingeht, statt unser Leben wechselnden Tonarten anzuvertrauen, wir wollen eine Mitte und ordentliche Zielsetzungen, wie unsere auf Berechenbarkeit und Vernunft ausgerichtete Zivilisation uns dies gelehrt und zu unserer zweiten Natur gemacht hat. Liszt meinte es anders. Seine „Vision“ nimmt die Möglichkeit einer Schreckens-Vision hinein in das Stück.

Allein die Etüde Nummer sechs zeigt also schon zwei grundsätzliche Merkmale des diesjährigen Mottos. Die „Vision“ ist etwas in die Zukunft Gerichtetes und hat zugleich etwas Zwiespältiges, Hell-Dunkles ohne Zentrum. Ursprünglich waren Visionen den Heiligen, ekstatischen Sehern und Propheten vorbehalten und das „Sehen“ war einmal gleichbedeutend mit „Erkennen“. Visionen spielten eine wichtige Rolle für die allgemeine Welt- und Geschichtsdeutung. Das subjektive Moment dieser religiösen Praxis schien niemandem verdächtig. Im Sinne des Voraus-Sehens und Vorhersehens meinte „Vision“ nichts anderes als die vorweggenommene Erzählung über das Kommende, das Programm der Zukunft.[1]

Daß es nach dem „Tod Gottes“ im 19. Jahrhundert die Künstler waren, die die Rolle der Propheten und Seher übernommen haben, ist kein Geheimnis – nicht nur Franz Liszt bekannte sich explizit zu einer auch religiösen Zukunfts-Mission. Dieser Rollentausch war nicht wirklich schwierig – bedeutende künstlerische Schöpfungen sind ohne Visionen kaum denkbar. Sie sind Projektionen in die Zukunft, Fackeln ins Dunkel, Wechsel der Perspektiven und Maßstäbe – das gilt von den gotischen Kathedralen wie von den Revolutionen in der Malerei, von Bachs „Kunst der Fuge“ über Beethovens späte Streichquartette bis zu den Visionen neuer Gesamtkunstwerke in den heutigen Medien-Künsten. Mit Entwürfen futuristischer Körper- und Wohnkapseln, autark schwimmender Städte und Walking Cities, grün bepflanzter Militärschiffe oder der Möglichkeit, Personen in Plastik einzuschweißen, damit sie, vakuumverpackt, überleben können, reagieren Künstler heute auch „prophetisch“ auf unsere Epoche.

Doch meint unser Motto „Vision“ nicht nur die künstlerisch – ästhetischen Zukunftsschöpfungen. Wir öffnen beim Kunstfest immer auch den Raum für den Blick auf unsere Welt und die Tauglichkeit eines zum Motto erhobenen Begriffs. Wer Visionen hat, muß ja nicht zum Arzt gehen, wie Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal meinte, ganz im Gegenteil: Visionen sind keine Wahnvorstellungen, Denkstörungen oder Täuschungen, sie sind auch keine Utopien, die eine Gegenwelt entwerfen  – Visionen sind nah an der Wirklichkeit, sie wollen die vorgefundene Wirklichkeit verändern und verbessern, nicht abschaffen zugunsten einer anderen. Deshalb sind Visionen lebensnotwendig, sie sind jene Schritte vorwärts, die verhindern, daß es rückwärts geht – auf allen Sektoren des gesellschaftlichen Lebens.

Visionen haben denn derzeit auch alle. Überall springt einem das Wort entgegen, in jeder Politiker- oder Unternehmer-Ansprache. Überall dort, wo die Menschheit am Abgrund zu stehen vermeint, wird der Ruf nach Visionen laut. Wie viele Antworten gibt es nicht allein auf die Kassandra-Rufe des „Weltgewissens aus Stockholm“, der Nobelpreisträger, die neulich wieder Alarm schlugen! Die Zukunft der Erde stehe auf dem Spiel, wenn Ressourcen nicht geschont, die Regenwälder nicht geschützt und der Erderwärmung und dem Artensterben nicht Einhalt geboten würde, vom wachsenden Ungleichgewicht zwischen den reichen Industrie- und den armen Entwicklungsländern und dem Atomreaktor-Problem zu schweigen.

Visionäre Städteplaner gehen den Energie- und Klimapolitikern bisweilen voran:   In Städten wie dem arabischen Katar, wo die Fußballweltmeisterschaft 2022 stattfinden wird, planen deutsche Firmen bereits Riesen-Stadien, die für die postfossile Zeit rüsten – durch Umwelt-Technologien, die Hitze in Kälte umwandeln. Kälte wird  dann den Sitzplätzen im Stadion entströmen und sich von dort aus wohltuend auf die 22 Fußballer herabsenken. Nahe von Abu Dhabi soll die erste emissionsfreie Stadt entstehen, aber auch bei uns ist das solargetriebene Elektro-Auto und das „Passiv-Haus“, das keine Heizung mehr braucht, im Werden und erstrecht das Solar-Linienflugzeug, das sein Kerosin aus Biomasse gewinnt. Solche Flugzeuge stehen bei der Lufthansa schon vor der Tür. Und in modernen Alchemie-Verfahren werden aus Elektro-Schrott bereits die bitter notwenigen Technologie-Metalle wie Lithium und Selen gewonnen, die die überlasteten Minen nicht mehr hergeben. High-Tec-Recycling auch in der grünen Agrartechnologie, Wunderpflanzen beschert sie uns: Golden Rice bewahrt vor Mängelerscheinungen und Hungertod und die gute alte Erbse kommt als genveränderte Erbse wieder zu Ansehen, indem sie Stoffe ersetzt, die bisher aus Rohöl gewonnen wurden – die Erbse als gentechnischer Botschafter eines neuen Zeitalters. Viele Visionen scheinen zum Greifen nahe, alles wird gut.

Schon wird der deutsche „Nachhaltigkeits-Preis“ verliehen an Unternehmen, die wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und umweltschonender Produktionsweise verbinden – Jane Fonda und Prinz Charles erhielten diesen Preis schon. Ein „Neustart“ in der mutigen Schweiz ist zu verzeichnen. Mit recycelter Öko-Kleidung begibt sich die „Transitions-Bewegung“ – so der Name der Gesellschaft – auf neue Wege, nabelt sich ab von den globalen Waren-Strömen und organisiert sich in kleinen kooperativen Nachbarschaften...

Auch für die Erneuerung des Menschen gibt es Visionen in Hülle und Fülle. Jenseits der Versprechungen auf langes Leben durch die computergesteuerte Fernüberwachung von Gesundheitsdaten hat die Biotechnologie ein eigenes Feld eröffnet. Die Entstehung von Leben und Tod ist hier inzwischen zu einem „Projekt“ avanciert, wo künstlich erzeugtes und künstlich erhaltenes Leben eine eigene Zone eröffnen, nicht weit von der Stammzellforschung, die das  „Forever young“ durch maßgeschneiderte Ersatz-Zellen vorbereitet. Auch die Hirnforschung blickt weit in die Zukunft. Es gibt Neurotechnologen, die sich anschicken, die Sprache des Gehirns zu entschlüsseln und das „Gedankenlesen“ immer perfekter machen. Nur ein Kabel-Käppchen auf den Kopf gesetzt und die Gehirnströme werden erfaßt und decodiert. Die Kriminellen werden schwere Zeiten haben – ihr „guilty knowledge“ wird man ihnen künftig nachweisen, auch wenn sie hartnäckig schweigen. Und wenn wir schon bei der Hirnforschung sind: Es ist nachgerade phantastisch, wie die Neuroforscher unsere kognitiven Leistungsfähigkeiten steigern werden – von Hirndoping ist die Rede, ein „Neuro-Enhancement“ soll uns zu Höchstleistungen anspornen können. Vorbei die alten Doping-Mittel Kaffee, Tee, Zigaretten, Wein, Marihuana, Pillen. Mit „Neuro-Enhancement“-Techniken schnellt die Gehirnleistung am Arbeitsplatz in die Höhe. Auch der trägste Büroangestellte wird auf die Höhe jener Langzeitstrecken -„Kampfpiloten“ katapultiert, für die diese Mittel erfunden wurden. Sogar moralische Verbesserungen – mehr Mitgefühl – verspricht sich die Wissenschaft von ihrem Einfluß auf Neuronen und Synapsen.

Eine bessere Welt also dank des Aufrauschens von Visionen – auch wenn nur die Hälfte davon Wirklichkeit wird. Unsere Kinder und Enkel werden schöner sein, länger und sicherer leben, klüger und fitter for life sein. Aber lehrten uns Liszts ziellos spiralige „Visions“- Arpeggien nicht noch ein Anderes? Die Ambivalenzen allen visionären Tuns? Wie leicht kippen Visionen, wenn sie erst einmal realisiert sind, entpuppen sich womöglich als Schreckens-Visionen.

Die lebensverlängernden Gen-Bio-Techniken bescheren uns eine überalterte Gesellschaft, die das Sozialsystem in Gefahr bringt, der technologische Fortschritt beschert uns Systeme, die so komplex sind, daß wir sie nicht mehr beherrschen – zu den herkömmlichen  Risiken der Natur kommen die der Technik. Der Besen des Zauberlehrlings tanze bereits, heißt es bei den Sicherheits-Behörden und Katastrophen-Fachleuten. Daß apokalyptische Visionen und Angstphantasien keine Psychosen sind und der Kinotitel „Apokalypse now“ auf schockierend bildgetreue Weise bereits wahr geworden ist, haben wir mit 9/11 oder jüngst in Japan erlebt.  Fiktionen wurden Wirklichkeit – aber umgekehrt gilt das auch. Im Finanzgeschäft, wie marktrational immer die Argumente tönen, werden Fiktionen zu Wirklichkeiten, wird mit Fiktionen – Transaktionen – sehr reales Geld verdient. Unvorstellbare Summen werden von nur wenigen Anlegern in Lichtgeschwindigkeit um die Welt bewegt. Eine Vorhersehbarkeit nächster Krisen und Crashs wird von den Kennern der Branche inzwischen ausgeschlossen, jede Bankkrise kann Finanzkrise, kann Wirtschaftskrise, kann Euro-Krise werden – vom prognostizieren „Ende von Europa“, das aus gesellschaftspolitisch-sozialer Sicht droht einmal abgesehen. Die Armada der Hungernden aus den sogenannten Dritten Welten hämmern an die Tür unserer „Festung Europa“. In vieler Hinsicht sind Begriffe wie „Visionen“ und „Innovationen“ deshalb heute übel beleumdet, man traut dem Machbaren, dem Neuen, dem Fortschritt nicht mehr. Die Worte lösen Allergien aus, die Technik ist ein Feindbild geworden. Mißtrauen schlägt großen gesellschaftlichen Projekten und Ideen – Bahnhofs-Neubauten etwa – entgegen. „Die Zukunft hat ihre Strahlkraft eingebüßt.“[2]

Aber wer bestimmt dennoch über sie? Wer verfertigt dennoch Visionen fürs Kommende? Analysen zeigen, daß sich die Gesellschaften ihr Wissen über die Zukunft heute nicht mehr, wie traditionell üblich, aus der Vergangenheitsabschätzung holen, sondern aus den Prognosen der Wissenschaft, von den prophetisch wirkenden Persönlichkeiten aus den Börsenbereichen, Wetterstationen, Kliniken und Polit-Gipfeln. Die Wissenschaftler handeln mit diesen Prognosen und verfertigen Szenarien über mögliche Zukünfte, indem sie ihre Basisdaten variieren und diese Botschaften im „Namen eines Algorithmus“  dann an Politik und Medien weitergeben – wo daraufhin Entscheidungen getroffen werden. Daß die databasierten Prognosen aber Hypothesen sind, die nur mit Wahrscheinlichkeiten operierten, wird dabei fast immer verschwiegen. Weil aber die Prognosen – als trockene Wenn-Dann-Szenarien – schwer zu vermitteln sind, hat sich hier die souveräne Geste des Bescheidwissens eingespielt, ein Prophetengestus, der den antiken Orakeln verteufelt ähnlich sieht und leicht darüber hinwegtäuscht, daß das Programm der Zukunft über unsere „digitalen Fußabdrücke“ im Netz erstellt wurde: Zukunfts-Visionen heute sind nichts als systematische Datenauswertungen...[3]

Merkwürdig – auf vertrackte Weise ähnelt das televisionär flimmernde Auf und Ab der sich überlagernden Datenströme aus der Computerwelt dem Auf und Ab der wogenden Arpeggien in der „Visions“-Etüde von Franz Liszt. Hat er sie – vorausschauend – in Töne gefaßt?

Doch kommen wir aus der großen Welt in die kleine zurück. Kommen wir nach Thüringen, wo allerlei Visionen kurz vor ihrer Verwirklichung stehen – nicht unähnlich dem sozioökonomischen „Neustart“ in der Schweiz, hier aber auf kulturellem Gebiet. Mit einem Festakt wurde im März 2011 ein „Kulturrat“ begründet, ein Dachverband aus acht Thüringer Kulturvereinen, energisch angetrieben von unserem – nein, nicht Kultur- sondern Wirtschaftsminister. Endlich hören wir die beliebten Begriffe wieder: Hochkultur und/oder Breitenkultur. Was soll gefördert werden – eine breitere Hochkultur oder eine höhere Breitenkultur? Zwischen Scylla und Charybdis geht es dahin – zwischen Sparzwängen und Konsolidierungsmaßnahmen, den Wünschen der Tourismusindustrie und den aufflackernden Rufen nach Kunst. Vor allem Weimar möchte wissen, wo es nun hingehen soll in den nächsten Jahren, man fordert „Ideen“. „Wo wollen wir hin“, tönt es energisch aus dem Stadtrat. Nach sechzehn Jahren Diskussion nun keimt es. „Visionen“ wäre zu viel gesagt, aber neue Anläufe zu einem „Kulturentwicklungsplan“ für das Kulturstädtchen scheinen gemacht: Was wird aus dem Nationaltheater, was wird aus dem Kunstfest Weimar, werden die Visionen für einen „Kosmos Weimar“ im Stadtschloß und ein neues Bauhaus-Museum Wirklichkeit?

Doch gemach.

2011 feiert Thüringen, feiert Weimar erst einmal ausgiebig den 200. Geburtstag seines musikalischen genius loci Franz Liszt. Landauf, landab hatte der Virtuose Europa durchreist und mit seinem Klavierspiel berauscht und die imago des romantischen Künstlers geprägt mit seiner entfesselten Phantasie, seiner Schönheit und souveränen Subjektivität. In Weimar aber hat er – in der Position des Hofkapellmeisters – seine produktivsten Jahre verbracht, in Weimar  hat er den Schwerpunkt-Wechsel vom Pianisten zum Komponisten vollzogen. Als Virtuose, und sei es auch als der berühmteste Klaviervirtuose Europas, wäre Franz Liszt eine verklungene Legende geblieben – als Komponist aber hat er Unsterblichkeit errungen.

Franz Liszt hat sich als „Zukunftsmusiker“ verstanden und mit diesem Elan und in dieser Perspektive gelebt und geschaffen. Schon Heinrich Heine hatte attestiert, daß Liszt nichts für „ruhige Staatsbürger und gemütliche Schlafmützen“ sei. Die Klavierbauer mußten seinen innovativen Vorstellungen folgen, der Konzertbetrieb mußte akzeptieren, daß ein Künstler kein Gemischtwarenvertreter ist, sondern ein Podium für sich allein beansprucht. Das „Recital“ entstand, weil Liszt stolz verlangte: „Le concert, c’est moi“. Und glaubte man, Liszt gehöre ganz und gar der nobelsten „Hochkultur“-Sphäre an, so überraschte er die Mitwelt durch seine exotischen Ausflüge ins Zigeuner-Idiom und sein politisch-revolutionäres Engagement. Zwischen der Symphonik Beethovens auf der einen Seite und dem Operngenie Wagners auf der anderen Seite gleichsam in eine dritte Welt getrieben, entwickelte er in Weimar seine eigene und poetische Form musikalischer Erzählweise: die „Symphonische Dichtung“. Im Harmonischen und Formalen wurde er schließlich so kühn, daß die Zeitgenossen ihn nicht mehr verstanden, auch sein Freund Richard Wagner nicht, der Liszts letzte Gratwanderungen nur noch als Irrsinn perzipieren konnte.

Daß Liszt seine Träume eines „Neu-Weimar“ nur teilweise durchsetzen konnte und seine Träume für eine zeitgenössische Biennale aller Künste, eine „Olympiade der Künste“ auf der Basis einer „Goethe-Stiftung“ sich ganz zerschlugen, bestätigen diese Diagnose. Liszt war zu groß, zu visionär  für Weimar – Weimar war zu klein, zu normal  für den großen Franz Liszt. Auf diese für beide Seiten verträgliche Formel darf man die Unvereinbarkeiten wohl bringen, die ihn letztlich aus Weimar vertrieben.

Das Kunstfest Weimar bringt diesen Komponisten nun seit Jahren zurück in seine temporäre Heimat. Im Jubeljahr seines Geburtstages nehmen wir seine visionären Ambitionen in besonderer Weise auf. Wir ehren Franz Liszt durch Aufführungen seiner eigenen Werke – der Melodramen, Pusztaklänge, Wasserspiele, aller „Années de pèlerinage“, seiner Lieder und von „Les Préludes“ im Originalklang, wir ehren ihn mit den Werken jener Komponisten, die er liebte – Bach und Berlioz  und ein bißchen Wagner – und wir ehren den Zukunftsmusiker mit viel Zeitgenössischem – sieben Uraufführungen europäischer Komponisten, geschrieben zum Geburtstag des Europäers Liszt. Wir ehren ihn durch eine Filmreihe „Liszt“ – wobei, neben all dem Biographischen, das die Cineasten so aufregte und in den Kitsch trieb – endlich auch ein kleiner Film von 1926 mit dabei ist, der den alten Liszt zeigt, den sehr rührenden, immer noch ziemlich verrückten alten Abbé, der sich aus Rom zu seinen Frauen zurückträumt.

Wir ehren Liszt auch, indem wir seine Idee einer „Olympiade der Künste“ aufnehmen: Eine große Ausstellung, die uns das ZKM Karlsruhe eigens zum Thema ausrichtet, nimmt das Wort „Vision“ wörtlich, sie thematisiert das Sehen, die Wahrnehmung. Es ist dabei viel von den „Schnittstellen zwischen Kunst und Wissenschaft“ die Rede – was uns diese Ausstellung bietet, ist aber vor allem Zauberei: optische Täuschungen, Illusionen, Lichtzerlegungen, mit den Augen können wir zeichnen und Räume in der Farbe unserer Iris erstrahlen lassen, space-and-motion-Experimente erwarten uns. Technik wird Kunst, Medizin wird Kunst: schließlich erfahren wir hier auch, wie die Blinden wieder sehen lernen – durch einen Chip auf der Zunge. So haben wir die „new technologies“ gern, in der künstlerischen Verwandlung und Verbesserung unserer Welt.

Den „new technologies“ verpflichtet ist auch unsere alljährliche TanzMedienAkademie. Junge Künstler aus den Bereichen Tanz und Medien erarbeiten eine große gemeinsame Produktion in den schönsten Hallen von Weimar, im historischen Van-de-Velde-Gebäude der Bauhaus-Universität. In diesem Jahr genügt auch das Jungsein allein nicht mehr – wir hielten das Transverbale dieser Kunstgattung für das Richtige, um das Gründungsjubiläum des 20jährigen „Weimarer Dreiecks“ mitzufeiern – mögen Polen, Deutschland und Frankreich durch Körper und Kabel miteinander kommunizieren!

Körper ohne Kabel, Tanzkörper in karger, aber eindringlicher Szenographie hält das Tanztheater der Pina Bausch bereit. „Palermo Palermo“ ist ein Stück aus dem Jahr des deutschen Mauerfalls , das die bevorzugten Themen dieser bedeutenden Choreographin – das Verfehlen der Liebe, die Sehnsucht nach Nähe und die Enttäuschung – in den armen heißen Süden Europas verlegt. Noch ist ihre Compagnie von ihrem Geist beseelt und wir fühlen uns verpflichtet, dieses zeitgenössische „Tanzerbe“ weiterzugeben, noch ist es möglich. Über den Begriff des „Erbes“ kann man sich erneut an Franz Liszt orientieren: Wen er ehrte unter seinen Vorgängern, brachte er durch Aufführungen und Klavier-Transkriptionen in seine Gegenwart und Zukunft: Beethovens Werke zum Beispiel waren noch kaum in Paris angekommen, als Liszt ihn dort vorstellte, Schubert auch nicht, und als Wagner im Exil war, hielt Liszt sein Andenken in Deutschland wach. Aber vorurteilslos und nur an der heiligen Sache der Musik  interessiert, transkribierte Liszt auch Werke der Antipoden Wagners. Meyerbeer etwa und Verdi – oder Rossini.

Insofern führt ein Lisztscher Faden auch zu einer Uraufführung, die wir wie eine Transkription lesen können: Eine junge, phantasievolle Ganzkörper-Musikpoeten-Truppe (NICO AND THE NAVIGATORS) hat Rossinis Petite messe solennelle in unsere Gegenwart übersetzt und nach den Glaubensbekenntnissen im 21. Jahrhundert gefragt. Möge der Abbé Liszt sich heimlich zu dieser Uraufführung des Kunstfestes im Erfurter Theater einfinden, wir halten ihm einen Platz frei.

Plätze frei für ihn sind ohnehin auch bei unseren zwei Diskussionen über Europa – beim Thema Europa kennt sich dieser „musicien voyageur“ aus. Sogar bei dem Theaterstück, das wir  aus dem Berliner „postmigrantischem“ Milieu importiert haben, dürfen wir an Liszt denken: er hat in Konstantinopel  konzertiert. Es ist ein Theaterstück, in dem die komische Verzweiflung einer jungen Lehrerin dargestellt wird, die einer Schulklasse von türkischen Jugendlichen Schillers „Räuber“ nahebringen will und es ohne vorgehaltene Pistole nicht schafft. Eine Gratwanderung mit den Mitteln von Slapstick, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Unerläßlich, daß dieses Stück mit dem Titel „Verrücktes Blut“ nach Weimar kommt – eine höchst eigene Vision von den Bildungsproblemen der Zukunft.

Eine schönere Vision für die Politik der Zukunft dagegen hat gestern unser Auftakts-Konzert  realisiert: Die Hochschulen für Musik in Jerusalem und Weimar haben sich zu zusammengetan und ihre jungen Musiker spielten ein erstes Mal gemeinsam auf einem Podium – in der Konzertreihe „Gedächtnis Buchenwald“. Wir erlebten die Geburt eines Orchesters aus dem Geist der Geschichte.

Geburt ...Vision....

endlich werden Sie wissen wollen, was es mit dem Titel dieses Vortrages auf sich hat: „Botenstoffe der Zukunft“. Den Ausdruck „Botenstoffe“ kennen wir aus den Wissenschaften, aus der  Mikrobiologie und der Biochemie – es sind jene Stoffe, die lautlos und verborgen im Inneren eines Organismus wirken und sich eines Tages entfalten. Der Ausdruck hat mich aber deshalb fasziniert, weil er sofort an die kunstnahen Wesen erinnert, die von draußen kommen, an die geflügelten Boten-Wesen des Himmlischen, die Engel. Berühmtester Engel war Gabriel, der seine Geburts-Verkündigung zu Maria trug, die daraufhin dem keimenden Leben in ihrem jungfräulichen Körper stattgab, so paradox immer die Botschaft sich ausnahm.

Die Kunst ist der religiösen Sphäre verschwistert und die Kunst liebt die Erscheinungen des Widersprüchlichen, das Paradox. Nur arbeiten die Botenstoffe der Zukunft hier anders. Mag die künstlerische Inspiration selbst noch der Engelsbotschaft vergleichbar sein – ob sie aber einen Stoff keimen ließ, der für die Zukunft gebraucht wird, wird erst aus späteren Konstellationen und Kreationen erkennbar: wenn hier weitergedacht, weitergebildet, weiterkomponiert wurde. „Wenn Werke verschiedener Komponisten und Epochen aufeinander treffen, können Eigenschaften aufbrechen, die sonst unerkannt blieben. Musikalische Erfahrung erlaubt es, Geschichte rückwärts zu hören, aus früheren Werken zu vernehmen, was spätere größer und weiter entwickelten“ – so schreibt der Hausautor unserer Programmbücher Habakuk Traber. Unser artist in residence 2011, der kreativ denkende Pianist Pierre-Laurent Aimard hat sich auf das Aufzeigen solcher Verhältnisse spezialisiert. In seinen Konzerten werden wir sie hörend erkennen – unter anderem nach dem Prinzip „Montage-Collage“,  so der Übertitel eines seiner Konzerte. Liszt mußte da Teil seiner Programmation werden, auch wenn Aimard kein „Lisztianer“ im engen Sinn ist.

Wir sind wieder bei Liszt, der, wie Schönberg und Bartók erkannten, die Tore zur Musik des 20. Jahrhunderts geöffnet hat. Andre konnten an seine musikalischen Ideen und Errungenschaften anknüpfen. Ist das nicht das Schönste, was man von einem Künstler sagen kann? Daß Liszts Werke Botenstoffe enthielt, die erst bei den Nachgeborenen zur vollen Entfaltung kamen, harmoniert nicht zufällig mit den engelsgleichen Eigenschaften dieser ungewöhnlichen Person – mit Liszts exorbitanter, religiös grundierter sozialer Hilfsbereitschaft.

Liszt hätte die „Niederen Weihen“ in Rom gar nicht nehmen müssen: Wir erklären diesen Botschaftsträger hiermit selber zur Botschaft, wir erheben ihn hiermit, an seinem 200. Geburtstag, in den Engel-Status.

Nun hat wieder die Musik das Wort – mit allerlei Vorgängern und Nachfolgern unseres Angelus Novus – ich wünsche Ihnen, meine Damen und Herren, ein intensiv „verlisztetes“ Kunstfest, unbeschwert schöne „pèlerinages“ 2011!

 

[1] Vgl. Elisabeth von Samsonow, Programmheft der „pèlerinages“ 2011, S. 230 f.

[2] Gerhard Matzig, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.10.2010

[3] Vgl. Katharina Teutsch, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1.12.2010