<h3>Exklusiv-lnterview mit Nike Wagner über Lust und Last der Kunstfest-Planung</h3>
In drei Wochen lüftet Intendantin Nike Wagner die letzten Geheimnisse des diesjährigen Weimarer Kunstfest-Programms. Über ihr Konzept und Lust und Leid bei dessen Umsetzung stand sie der TLZ Rede und Antwort.
Dem Kunstfest eilt der Ruf voraus, es werde schwierig und anspruchsvoll, spielt Unterhaltung in Ihrem Konzept denn gar keine Rolle? Unterhaltung? Das Kunstfest ist kein Zwiebelfest und kein Zirkuszelt, kein Samstagabend-TV und kein Musikantenstadl. Das muss klar sein. Das Kunstfest führt den Namen ,,Kunst" im Titel, und Kunst ist nun mal eine anspruchsvolle Angelegenheit. Kunst beansprucht den Menschen, seine Sinne und seinen Verstand. Das mag ,,anstrengend" sein, aber es springt ja auch eine Menge dabei heraus. Was ästhetischer Mehrwert ist, weiß der gestandene Weimarer doch!
Aber ich kann Sie beruhigen: Für Unterhaltung im Sinn von Spannung, Freude, Hochstimmung ist gesorgt. Und damit meine ich nicht einmal nur das jeunesse-Programm mit Jazz, Tango, Kino und Politstory-Theater.
Sie knüpfen vielfältige Bezüge zwischen Zeitgeschichte und Gegenwart; so ist das ensemble modern mit Heiner Goebbels' ,,Eisler-Material" zu Gast. Welche Bedeutung hat für Sie dieses Konzert?
Ich kann mir denken, dass das ,,Eisler-Material" für viele, die den realen Sozialismus erlebt haben, anstößig ist. Ich habe diesbezüglich auch schon Rückmeldungen. Einen schöneren, tieferen Bezug auf Geschichte und Gegenwart, als Reflexion auf Geschichte in der Gegenwart, kann ich mir aber kaum vorstellen. Ein ehemaliger West-Linker komponiert eine Hommage auf die Ideale des Sozialismus, die er in Gestalt des Ost-Linken Hanns Eisler verehrt. Mit Nostalgie für das verratene Ideal, mit Witz, mit Verständnis auch für die Verstiegenheiten der linken ästhetischen Theorie. Goebbels Musiktheater ,,hebt auf: bewahrt, annulliert, erhebt“.
Die ,,pèlerinages" reproduzieren Weimarer Klassiker nicht nur, sondern setzen sie auch in zeitgenössische Bezugsfelder, etwa in dem Projekt ,,Liszt multimedial". Inwiefern ist das eine ästhetische Leitlinie?
Wir schulden es dem Übervater des Festivals, seine Gedanken und Wünsche weiterzuspinnen. Liszt hat damals die musikalische Avantgarde seiner Zeit nach Weimar geholt, wir tun Ähnliches. Auch mit dem Übervater selbst. Er wird original gegeben, aber auch ,,avantgardisiert", mit Projektionen versehen oder zeitgenössisch rekomponiert. Neu und Alt muss ineinander greifen, dann wird der Fluss der Geschichte fühlbar. In Ettersburg mag das besonders anschaulich werden - neue Medienkünste in verfallenden Mauern.
Das Kunstfest gilt als ein Festival für ,,ernste" Musik. Wie werden Sie den anderen Kunstsparten gerecht?
Die Kunst ist immer ernst, heiter ist nur das Leben ... Für die anderen Kunstsparten gelten die gleichen Qualitätskriterien wie für die Musik. Nehmen Sie nur die Ausstellung ,,Weimarer Moderne" im Neuen Museum oder die Literatur mit Goethe und Walter Schmidinger... Meine Geschäftsführerin, Gräfin Castell, holt mich jedoch gelegentlich vom hohen Ross herunter: Im nicht-musikalischen Bereich können wir nur wenige, dafür aber präzise gewählte Veranstaltungen machen. Immerhin: Eine Uraufführung, eine deutsche Erstaufführung sind schon dabei.
Inwieweit werden Sie Ihr ,,pèIerinages"-Konzept schon in diesem Jahr umsetzen?
Nicht alle Blütenträume reiften. Das liegt zum Teil an den Weimarer Umständen - Aufbau eines Festivals von Grund auf, hier war ja tabula rasa -, zum Teil an den für größere Projekte nicht ausreichenden Subventionen, das hieß intensive Geldsuche. Beide Tätigkeiten nahmen viel Zeit und Kraft in Anspruch. Dennoch, denke ich, wird das Konzept deutlich erkennbar sein. Erkennbar und genießbar.
Wie unterscheiden Sie sich von der Vielzahl anderer Festivals in Deutschland und in Thüringen?
Durch Intelligenz und Qualität des Programms. Und durch die Überzeugung, dass es nicht Eintagsfliegen und Zeitgeistraketen sind, die ein Festival sinnvoll machen. Sondern Konzepte und Kontinuität.
Welche Erfolge gibt es bei der Suche nach Sponsoren?
Es gibt gute Erfolge, obwohl es manchmal zum Verzweifeln schien. Von Privaten bisher nur wenig, weit mehr von Stiftungen, erfreulich die Ergebnisse bei den Unternehmern. Mit der Autofirma Skoda zum Beispiel sind wir ,,gut verheiratet". Die Suche ist jedoch nicht abgeschlossen, wir sind noch mit vielen Firmen im Gespräch, und ich bin wundergläubig.
Sehen Sie im Spiegelzelt und der für 2005 geplanten Theaterwoche des DNT eine Konkurrenz für das Kunstfest?
Wieso sollten sie das sein? Die Kleinkunst im Bier-, Entschuldigung: Spiegelzelt ist doch eigentlich die ideale Voraussetzung dafür, dass in Weimar Hunger nach Kunst entsteht.
Die Theaterwoche unserer Freunde im DNT sieht vor allem Schiller vor, und damit werden sie nicht allein sein. 2005 wird es an allen Ecken und Enden schillern in Weimar. Deshalb erlaubt sich das Kunstfest jetzt schon, sich den kommenden Feierpflichten zu entziehen und das Festival im Jahr 2005 zur ,,schillerfreien Zone" zu erklären.
Müsste nicht Thüringen, zumindest Weimar, einen Festival-Akzent setzen, den man über die Landesgrenzen hinaus wahrnimmt?
Weimar braucht dringend überregionale Resonanz. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Weimar wurde als Kulturhauptstadt wahrgenommen, dann nicht mehr - oder nur von einzelnen Goetheforschern und Kulturpolitikern. Die Stadt geistert zwar als Phänomen in den Köpfen - im Ausland übrigens hauptsächlich politisch: ,,Is that the Weimar republic town?" wurde ich neulich erst wieder aus England gefragt - aber wo ist ihre aktuelle und wichtige ,,Realität"? Dem abzuhelfen, ist ein Festival da.
Wie haben Sie die Weimarer und Thüringer Verantwortlichen in den vergangenen Wochen Ihrer Arbeit erlebt? Erfahren Sie Unterstützung?
Von Seiten der Thüringer Politiker: nur Gutes. Offene Ohren, offene Gespräche, Mitdenken, Mithalten. Von Seiten der Weimarer: gemischt. Von Pöbeleien bis zu Solidaritätsbekundungen. Die Stadt scheint zerrissen - hier die Kauffmann-Nostalgiker, dort die Kauffmann-Gegner, hier die Kunstfest-Feinde aus sozialen Gründen oder aus Futterneid, dort die Kunstfest-Freunde, die begriffen haben, dass Weimar aus seiner Selbstgenügsamkeit 'raus muss. Mit letzteren ist gut Bratwurst essen.
Wie lange wird es dauern, das Neue Kunstfest im europäischen Konzert der Sommerfestivals zu etablieren?
Im allgemeinen dauert es fünf bis sieben Jahre, bis sich ein neues Festival durchgesetzt hat. Mit Weimar kann das schneller vonstatten gehen - die ,,Marke" Weimar ist schon da, das Wort ein Begriff. Andererseits habe ich über 2005 hinaus keine Planungssicherheit. Darunter wird die Qualität des Kunstfestes leiden, denn die internationalen Künstler warten nicht gerade auf Anfragen in letzter Minute aus - what was the name of the town?
Wenn Sie drei Wünsche frei hätten...?
Volle Säle, glückliche Gesichter und den Ehrenbürger für Nike Wagner und Gräfin Castell.